Auto & Motorwelt

Reise in eine hellere Zukunft

Junge Filipinos aus Manilas Armenvierteln bekommen bei Porsche mehr als einen Ausbildungsplatz. Die jungen Mechaniker starten direkt durch – in eine bessere Zukunft.

Gruppenbild Auszubildende bei Porsche

Durch den morgendlichen Stoßverkehr im schwül-heißen Millionen-Moloch Manila quält sich ein vollbesetzter Linienbus. Ein Fahrgast harrt bereits seit fast zwei Stunden auf der harten Sitzbank aus. Christian „Chris“ Laxa heißt der schlaksig-schmächtige Mann aus einem wenig schmucken Vorort weit im Osten der Kapitale, wo sich Hütten und kleine Häuser endlos an die Hügel reihen. Chris wohnt dort im Haus seiner Großmutter, zusammen mit seinen Eltern und neun Geschwistern. Der 22-Jährige ist wie jeden Morgen auf dem Weg zum Porsche Training and Recruitment Center Asia (PTRCA) im Zentrum Manilas. Die Lehrwerkstatt schreibt seit fünf Jahren eine wahre Erfolgsgeschichte: Sie bietet unterprivilegierten Jugendlichen eine dauerhafte Aufstiegschance und bildet top-motivierte Fachkräfte für Porsche Servicezentren in ganz Asien aus. Soziales Engagement und vorausschauendes Personalmanagement arbeiten hier Hand in Hand.

Ein Vorzeigeprojekt

Torsten Klavs, bei Porsche im After Sales zuständig für Qualifizierungskonzepte, war im PTRCA Manila der Mann der ersten Stunde. Das philippinische Modell gilt bereits nach fünf Jahren Praxis als vorbildhaft. Dass die erste Wahl für die Mechatroniker- Ausbildungsstätte auf die Philippinen fiel, war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer intensiven Standort-Analyse. So beherrscht in dem Inselstaat die Mehrheit der Einwohner die englische Sprache – zumindest in Grundzügen. Noch viel entscheidender aber sind die Mentalität der Menschen und die seit Generationen gelebte Praxis, dass junge Männer und Frauen ihr berufliches Glück im Ausland suchen und finden. So „schippern“ Hunderttausende Filipinos auf Fracht- und Passagierschiffen als Matrosen, Maschinisten oder Küchenhelfer über die Weltmeere. „Natürlich haben alle diese Männer und Frauen schreckliches Heimweh, doch niemand wirft deshalb seinen Job hin“, sagt Torsten Klavs.

Ein Computer gegen das Heimweh

Für seine Schützlinge gilt das angesichts der guten Arbeitsbedingungen und einem Jahresurlaub von 25 Tagen noch viel mehr. Bei den jungen Absolventen des PTRCA beobachtet Klavs ohnehin immer wieder, wie schnell sie Teil der Porsche Familie werden und sich dann im Ausland bewähren und behaupten. Und auch gegen das Heimweh gibt es ein Rezept. Klavs: „Nach drei Monaten im Ausland kaufen die Jungs Computer – für sich und ihre Familien zu Hause – und dann skypen sie an jedem Feierabend.“

Ausbildung von jungen Filipinos, 2014, Porsche AG

Jung Filipinos lernen, wie im Cayenne Daten ausgelesen werden

Der Auslandseinsatz für Chris Laxa startet erst in einigen Monaten. Doch sein Berufsweg war bis heute schon viel mühsamer als die tägliche Strecke nach Manila. Mit 16 verließ der Junge die High-School und begann bei seinem Onkel als Müllsortierer. „Es war hart und schmutzig“, erinnert sich Chris, „aber ich war stolz, dass ich mit dieser Arbeit meine Familie unterstützen konnte.“ Mit 18 wechselte er in eine Schnellimbiss-Kette und büffelte gleichzeitig in einer Abendschule, um einen höheren Abschluss zu erreichen. Doch das Geld reichte nicht. Bücher und Kosten für die Fahrten zur Schule waren zu teuer. Er wollte die Schule schon aufgeben und sich als Sandwich-Verkäufer selbstständig machen, als er einen ehemaligen Schulfreund traf.

„Er erzählte mir von der Ausbildung bei Don Bosco und dass sie einem dort ein Stipendium geben“, erzählt Chris. Seine Bewerbung um eine Lehrstelle war erfolgreich: „Gott hat seine Hände über mich gehalten.“

Eine faire Chance für alle

Es gilt, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Der katholische Salesianerorden betreibt in 130 Ländern Don Bosco-Ausbildungsstätten für junge Menschen. Vollstipendien ermöglichen Jugendlichen und Heranwachsenden aus armen Bevölkerungsschichten den Einstieg in einen Beruf mit Zukunft. „Wir geben jungen Menschen überall in der Welt eine faire Chance, damit sie den Teufelskreis der Armut durchbrechen können“, beschreibt Christian Osterhaus, Geschäftsführer der Weltzentrale von Don Bosco Mondo in Bonn, den globalen Auftrag. Am Don Bosco Technical Institute in Manila absolvieren seit 1960 junge Männer innerhalb von 15 Monaten eine technische Lehre.

Am Ende gibt es nur Gewinner

Auf dieser soliden Basis baut Porsche seit 2008 auf. Rund 40 junge Männer führen nach zehn Monaten Don Bosco-Zeit für weitere neun Monate im PTRCA ihre Ausbildung zum Porsche Service- Mechatroniker fort. Die Auszubildenden wissen dabei schon von Anfang an, dass sie nach dieser Phase einen festen Job bekommen – am häufigsten in den arabischen Golfstaaten. „Das Konzept ist dabei so ausgelegt, dass es ohne Subventionen oder andere staatliche Fördermittel auskommt“, sagt Klavs. Die Kosten für die Ausbildung übernehmen die Importeure und Niederlassungen, die „ihre“ fertig ausgelernten Kräfte übernehmen. Die jungen Mechatroniker und ihre Familien, das Institut von Don Bosco, die Porsche Stützpunkte in Asien – das Programm kennt nur Gewinner.

Der nachhaltige Erfolg gibt Klavs Recht. Von den ehemaligen 160 PTRCA-Azubis sind immer noch 157 weltweit für Porsche im Einsatz. Bereits das Don Bosco Technical Institute vermittelt den Schülern die außerordentliche Chance, die Porsche bietet. „Das ist wichtig, weil die Jungs vorher noch nie von Porsche gehört und auch noch nie einen 911 gesehen haben“, sagt Klavs. Chris Laxa stimmt lächelnd zu: „Wir kennen hier eigentlich nur asiatische Autos.“ Auch in der Don Bosco-Werkstatt schraubten sie vor dem Auftritt von Porsche nur an betagten japanischen Fabrikaten herum.

Ausbildung junger Filipinos bei Porsche, 2014, Porsche AG

Viele Filipinos nennen Ausbilder Thorsten Hagel „Papa“

Mit der für Porsche typischen Performance erreichen die Auszubildenden am Ende den erforderlichen hohen Standard. Es ist ein langer und harter Weg bis zum erfolgreichen Abschluss, denn zu Beginn fehlt den Azubis das in Deutschland selbstverständliche theoretische Rüstzeug. „Ganz wichtig ist der Gedanke, dass wir unser deutsches duales Ausbildungssystem den Philippinen nicht eins zu eins überstülpen können. Es fehlt schlicht an der Vorbildung. Wir konzentrieren uns vielmehr darauf, die wesentlichen Elemente der deutschen Ausbildung umzusetzen. Wir müssen uns an die bestehenden Bedingungen anpassen“, sagt Klavs.

Kontakt zum Ausbilder bleibt bestehen

Das persönliche Engagement der hochmotivierten, jungen Männer und Frauen macht ohnehin vieles wett. Mit Feuereifer sind Chris Laxa und seine Kollegen bei der Sache, hängen bei jeder Erklärung an den Lippen ihrer Ausbilder. Sie bestaunen die Sonderwerkzeuge, beinahe ehrfurchtsvoll hantieren sie mit den ungewohnten Geräten. Die anfängliche Scheu vor den Diagnose-Computern verlieren sie – typisch für diese Generation – sehr schnell. Gierig saugen sie jede Information auf. Und selbst beim allabendlichen Putzen geht es zu, als ob es einen Preis für die sauberste Ecke in der Werkstatt gäbe. Der engagierte Einsatz und der unerschütterliche Optimismus der Menschen aus den Armenvierteln sind geradezu ansteckend. Auch bei einem Mann wie Thorsten Hagel – Typ raue Schale, weicher Kern – hat der Einsatz als Ausbilder Spuren hinterlassen. Die jungen Männer nennen ihren Ausbilder „Papa“. Und jedes Mal, wenn Papa Hagel die Geschichten seiner Jungs erzählt, strahlt er übers ganze Gesicht. Über Facebook halten seine ehemaligen Schützlinge den Kontakt zu ihrem Papa, auch wenn der längst im vergleichsweise beschaulichen Ludwigsburg wohnt.

Es ist Abend geworden im Zwölf-Millionen- Moloch Manila. Der Linienbus schaukelt einen müden, aber glücklichen Chris Laxa über die Hügel zurück in seinen Vorort. Das große Ziel liegt aber noch in viel größerer Ferne. Ende 2014 wird er als frisch ausgelernter Service-Mechatroniker für Porsche in den Golfstaat Kuweit aufbrechen. „Es wird eine Reise in eine hellere Zukunft – für mich und meine ganze Familie.“

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